ÜBERLEBEN

Liebe Gäste,

ich hoffe, dass unsere farbenfrohe Broschüre zum Durchstöbern des diesjährigen Knechtsteden-Programms einlädt und Sie als Konzert-Kompass dann zum einen und anderen Konzert in die Basilika führt. Ich persönlich würde mich darüber freuen, denn Konzerte beleben neben unserer Fantasie auch die Gefühlswelt und fördern nicht zuletzt gute Laune.

Für mein Leben gern teile ich Wissenswertes über Musikstücke mit, denn jedes Stück ist ein kleiner Kosmos mit ungeahnten Zusammenhängen, die beim Hören nicht sofort erkennbar sind. In Texten und Einführungsgesprächen möchten wir dafür Ohren öffnen und neugierig auf die Konzerte machen. In diesem Jahr probieren wir etwas aus, das als kleine Bilderwelt Ihren Augen vielleicht gefällt, wenn Sie vor dem Konzert in die Basilika kommen. Lassen Sie sich überraschen!

Übrigens proben wir für die Konzerte nicht nur, damit alles richtig und sauber klingt. Den Kopf zerbrechen wir uns fast, um hörbar zu machen, welche verborgenen Wirklichkeiten in einem Musikstück schlummern; jene Bilder und Gefühle also, die zunächst die Fantasie des Komponisten bevölkerten und dann handwerklich aufs Notenpapier fanden. Kann man das hörbar machen? Das geht! Kommen Sie doch einfach in eine unserer Proben, um zu hören, wie wir mit Tönen wirklichkeitsnahes Leben schildern wollen! Probenort und -zeit stehen bei jedem Programm.

Im diesjährigen Programm erzählen wir viel über das Leben und das Überleben von Menschen. Eybler deutet in Die vier letzten Dinge an, wer das Jüngste Gericht überleben wird. Beethoven komponiert am Ende seiner 5. Sinfonie voller Hoffnung ein Verlangen nach Menschlichkeit. Ähnliche Hoffnungen rufen, mit allerdings ganz anderen Tönen, Grimmelshausens Simplicissimus, Buxtehudes Jüngstes Gericht und die Kreutzer-Sonaten von Tolstoi und Beethoven wach.

Visionen von einer besseren Welt entstehen oft durch Vorbilder, denen ein Überleben versagt blieb. Christus als abendländische Leitfigur ist ein solches Vorbild, dem in Telemanns hochdramatischer Markus-Passion mit Valerij Lisacs Visualisierungen „Nachfolger“ an die Seite gestellt werden – zum Beispiel Martin Luther King.

Selbst die Orgelwerke Bachs erzählen Geschichten über menschliche Schicksale und das estnische Ensemble Heinavanker schildert in seinen traurig-schönen Liedern mit versöhnlichen Kommentaren die blutige Unterwerfung und Christianisierung der Balten.

Im Gedenkjahr 2018 erinnern wir in einem Chorkonzert an die Mühseligen dieser Welt, denen in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts ein Überleben nicht vergönnt war. Schönbergs Motette Friede auf Erden ist durch den unüberhörbaren Aufruf Nie wieder Krieg! Hoffnungsschimmer und Mahnung.

Also, hoffentlich bis zum September bin ich mit besten Grüßen,

Ihr Hermann Max

Hermann Max

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