Gestatten,JosephEybler!
von Daniel Frosch

Wenige Künstlerbiographien hinterlassen dermaßen den Eindruck eines gelungenen, wirklich gestalteten Lebens wie diejenige des in Schwechat, unweit von Wien, geborenen Joseph Eybler. Das zweitälteste von sechs Kindern, wuchs Eybler als Sohn eines Schulmeisters und einer Sattlertochter zu einem in Musik vom Vater ausgebildeten Knaben heran. Mit sechs Jahren konnte er in einem Anflug von Wunderkindbegabung als Solist in einem Klavierkonzert glänzen und damit einem Hofbeamten einen Platz im Wiener Stadtseminar abringen. Eybler erinnerte sich später mit Freude an diese Zeit: „Ich war fleissig, auch sehr glücklich, in meinen Beschäftigungen und in meiner ganzen Lebenslage“. Noch nicht volljährig, wurde sein eigentlicher Plan, Jura zu studieren, von einem Feuer durchkreuzt, das den Familiensitz in Schwechat in Schutt und Asche legte. Eybler war gezwungen, schnell zum familiären Einkommen beizutragen: „Ich wählte die Musik, zu der es mich mächtig zog und wo ich auch jenen Zweck zu erreichen hoffen durfte“. Dass ihm tatsächlich sehr bald eine Karriere als Komponist gelang, dürfte auch an zwei mächtigen Mentoren gelegen haben: Joseph Haydn, dessen Familie schon Eyblers Eltern gekannt haben dürften, und Wolfgang Amadeus Mozart, der in seinen letzten Lebensjahren mehr als einmal ein gutes Wort für Eybler einlegte. In einem Testat bestätigte Mozart, dass er Eybler „als einen jungen Musiker befunden habe, wo es nur zu bedauern ist, daß seinesgleichen so selten sind“, eine für den auch zu Gemeinheiten fähigen Mozart sehr wohlwollende Formulierung. Und Mozart überließ Eybler wichtige Aufgaben, so auch die Einstudierung der damals neuen Oper Cosi fan tutte, bei der Eybler „Gelegenheit vollauf fand, das Theaterleben, mit seinen Unruhen, Kabalen u. dgl. m. kennen zu lernen“. Diese Erfahrung bekräftigte den offenbar Zartbesaitenen, ab sofort nur noch im Feld der Kammer- und Kirchenmusik zu arbeiten.

 Eybler komponierte zwei deutschsprachige Oratorien, das spätere mit dem Namen „Die vier letzten Dinge“, laut Eybler „auf ausdrücklichen Befehl Sr. Maj. des Kaisers für Allerhöchst-Sie 1810 geschrieben“ und „als ein eigenes Hof-Fest in dem grossen Ceremonien-Saale mit aller Pracht aufgeführt“. Dank Hermann Max, der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert liegt das Oratorium seit 2005 auf CD vor, eine überwiegend dunkle, in „drey Abtheilungen“ gegliederte Darstellung von irdischem Sterben, jüngstem Gericht, Himmel und Hölle. An der ein oder anderen Stelle, eher in den groß besetzten Partien als in den opernhaften Arien, wird man daran erinnert, dass Mozarts Witwe Constanze zur Fertigstellung von Mozarts nur skizziertem Requiem Eybler zurate gezogen hatte. Es mag bei dieser ernsten Musik außerdem einen biographischen Zusammenhang geben: Vier Jahre vor der Premiere hatte Eybler eine Kammerdienerin der Kaiserin geheiratet, der Ehe entsprangen zwei Kinder. Seine Tochter Maria Theresia Franziska allerdings starb im Alter von nur zwei Jahren an Lungenentzündung. Der Schmerz über diesen Verlust mag Eingang gefunden haben in die zeitgleich entstandenen „Vier letzten Dinge“. In seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten (!) hielt Eybler die Position des Hofkapellmeisters in Wien, wenn auch zunehmend eingeschränkt von den Folgen eines Schlaganfalls. Dennoch staunt man, angesichts der völligen Vergessenheit, in die Eyblers Werk und Leben heute getaucht sind, über den hohen Respekt von Zeitgenossen und auch einigen Nachgeborenen. Eybler war wohl ein Mensch im Einklang mit seiner Zeit, womöglich ist das seinem Werk zum Verhängnis geworden.

 

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