ZeitloseMarkuspassion

Als Telemann 1721 als Lehrer und Kantor nach Hamburg wechselt, werden Musiker nicht mehr als Gaukler, Vagabund, Spielmann oder Seiltänzer schief angesehen, sondern gelten mehr und mehr als ehrenwerte Leute und Gelehrte. Einer der Gründe dafür mag das weltoffene und tolerante Hamburg sein, wo Fremde und Einwanderer aus aller Herren Länder mit dem Gefühl heimisch sind, Stadtluft mache frei; man habe als freier Citoyen allerdings auch Verantwortung im gesellschaftlichen Ganzen zu tragen.

In dieser weltoffenen Atmosphäre boomt die Wirtschaft. Ein europäisches Handelszentrum entsteht. Unberührt bleibt Hamburg vom Dreißigjährigen Krieg. Die Stadtväter unterstützen die schwedische Kriegsfinanzierung und schaffen ein Zentrum des Rüstungsmarktes. Eine internationale Nachrichtenbörse entsteht durch Zeitungen.  Fri­scher Wind weht hier durch viele aufklärerische Köpfe. Für Men­schen mit le­bens­na­her Welt­sicht wird Re­li­gi­on auf All­tags­mo­ral re­du­ziert. Gerade Künst­ler, Dich­ter und Mu­si­ker haben über­all in Eu­ro­pa Sympathie für solche Zeit­strö­mungen. Te­le­mann mit­ten­drin. 1759 ist er 78 Jahre alt und zukunftsweisend. Da hat er gerade eine neue Markuspassion fertig, in der er unüberhörbar sagt: Zahllosen Menschen widerfährt seit eh und je ein Schicksal, das wir nur bei Jesus und seiner Aufopferung im Blick haben. Und dabei laufen die Jesus-Verräter-Charaktere nicht nur zu seiner Zeit herum. Auch heute. Ein paar Beispiele zeigen, wie er sie alle durch allegorische Figuren anklagt: Die Betrachtung fragt: Was klagen wir der schlafenden Jünger Schwachheit an? Wir tun doch selbst, was sie getan durch unser träges Herz. Die Andacht klagt: Sind wir so tapfer, unsre Freuden zu verschmähn, um seinen Kampf mit auszustehn? Wir schlafen! Oft ist die stärkste Tugend schwach! Die Treue will wachrütteln: Ihr glaubet, euer Herz zu kennen und kennt es nicht. Es warnt Vernunft und Schrift. Umsonst. Ihr werdet einem Petro gleich.

Mit solchen Einschüben in die Passion zeigt er: Judas als Verräter, Petrus als Verleugner, fliehende Freunde – es gibt sie zuhauf, nur mit anderen Namen. Trotz genialer technischer Fortschritte hat die Evolution dem Guten und Trüben im menschlichen Herzen keinen glücklichen Fortschritt beschert. Was Telemann 1759 beklagt erleben wir heute 1:1. Viele stimmen Benjamin Britten zu, wenn er schreibt: Ich glaube nicht an die Göttlichkeit Christi, aber daran, dass man seinem Beispiel folgen soll. Und das haben zahllose Menschen jeglicher Glaubensrichtung immer getan. Ihnen gilt jener Dank, der am Ende der Telemann-Passion Jesus zugesprochen wird. Sichtbar macht das alles Velerij Lisac auf seinem Vorhang, der mal Projektionsfläche für jene, die Jesu Beispiel folgen, und mal durchscheinend für ihn selbst ist.

Wenn Sie die Zeilen bis zum Ende gelesen und Lust und Zeit haben, mir zu schreiben, würde ich mich freuen. Adresse: hermann.max@knechtsteden.com

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Hermann Max

26.9. LEIDENSCHAFT - MARKUSPASSION 1759

Das Leid Jesu und Parallelfälle

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