Programm
Introitus: Gregorianischer Choral – Gaudeamus omnes
Kyrie: Nicolas Champion (ca. 1475–1533) – Missa de Sancta Maria Magdalena
Gloria: Nicolas Champion – Missa de Sancta Maria Magdalena
Sequentia: Gregorianischer Choral – Gottschalk of Aachen – Laus tibi Christe
Credo: Nicolas Champion – Missa de Sancta Maria Magdalena
Praefatio: Gregorianischer Choral
Sanctus: Nicolas Champion – Missa de Sancta Maria Magdalena
Pater Noster: Gregorianischer Choral
Agnus Dei: Nicolas Champion – Missa de Sancta Maria Magdalena
Communio: Gregorianischer Choral – Diffusa est gratia
Invitatorium: Gregorianischer Choral – Deus in adiutorium
Antiphona: Anonym – Mundi fastum abdicavit – Ps.112 Laudate pueri
Antiphona: Anonym – Quando Martha satagebat – Ps. 109 Dixit Dominus
Hymnus: Anonym – Sydus solare
Antiphona: Gregorianischer Choral – Fidelis sermo
Magnificat: Anonym
Einführung
Apostola Apostolorum:
Nicolas Champions Missa de Sancta Maria Magdalena
Diffusa est gratia in labiis tuis: propterea benedixit te Deus in eternum.
Gnade fließt von deinen Lippen: denn Gott hat dich gesegnet in Ewigkeit.
Psalm 45:2
Im späten Mttelalter stand der Kult der heiligen Maria Magdalena in voller Blüte. Ihre dramatische Geschichte, wie sie sich vom 6. Jahrhundert an durch die Verschmelzung verschiedener Frauengestalten der Evangelien herausgebildet hatte, mündete in die Erzählung von einer reumütigen Prostituierten, die Jesus als Jüngerin folgte, Zeugin seiner Kreuzigung wurde und die erste war, die dem wiederauferstandenen Christus begegnete, worauf sie die Nachricht deen Aposteln verkündete, bevor sie in die Provence segelte und ihr leben als Einsiedlerin beschloss.
Hintergrund
Magdalenenevangelium
Kein Wunder also, dass die Gestalt der Maria Magdalena eine anhaltende Faszination auf Theologen, Künstler und Musiker gleichermaßen ausübte; die komplexe Vielschichtigkeit ihres Charakters spiegelt sich in der großen Vielfalt visueller Darstellungen, die das ganze Mittelalter hindurch bis in die Renaissance entstehen.
Festival-Quiz
Wann feiert man den St.-Magdalenen-Tag, an dem damals im Jahre 1342 der Himmel seine Schleusen öffnete?
Eine besonders privilegierte Stellung genoss die Hl. Maria Magdalena in der Liturgie der Illustre Lieve Vrouwe Broederschap, der Bruderschaft Unserer Glorreichen Lieben Frau, einer reichen und bedeutenden Bruderschaft mit Sitz in der historischen Marktstadt ‘s-Hertogenbosch in den heutigen Niederlanden. Tatsächlich wurde deren eigene Kapelle in der prächtigen St.-Johannes-Kathedrale 1494 der Heiligen geweiht, zusammen mit der Hl. Anna, dem Hl. Johannes dem Evangelisten und der Jungfrau Maria.
Hintergrund
Magdalenenflut
Gestützt auf die reichhaltige Sammlung überlieferter, von der Bruderschaft im 16. Jahrhundert in Auftrag gegebener und benutzter Chorbücher, wird in diesem Programm das Fest der Hl. Maria Magdalena musikalisch nachempfunden, wie es jedes Jahr am 22. Juli in der Kapelle der Buderschaft gefeiert wurde. Das Herzstück des Programms ist die Missa de Sancta Maria Magdalena von Nicolas Champion, eine dramatische Vertonung, die die Texte des Messordinariums verbindet mit Melodien und Texten von sieben verschiedenen mit Maria Magdalena assoziierten Offiziums-Antiphonen, im schönen handgeschriebenen Chorbuch aus der Werkstatt des renommierten Petrus Alamire mit roter Tinte hervorgehoben.

Tizian: "Die büßende Magdalena", um 1560. Öl auf Leinwand, 118 x 97 cm.
Über Champions frühe Jahre ist wenig bekannt, wobei er vermutlich in oder nahe Lüttich geboren wurde, wo er höchstwahrscheinlich auch seine erste musikalische Ausbildung erhielt. Die früheste Erwähnung seiner musikalischen Karriere bezieht sich auf sein Wirken an der Habsburger Burgundischen Kapelle Philipps I. und datiert vom 13. November 1501. Nicht zuletzt gehörte er zu den wenigen Sängern, die nach Philipps Tod im Jahre 1506 in der Kapelle verblieben, Johanna von Kastilien auf ihrer Reise durch Spanien begleiteten und an Philipps Sarg Requiem-Messen sangen. Nachdem Johannas Kapelle aufgelöst worden war, trat Champion in die Dienste Karls V., wo er beträchtliche Anerkennung genossen zu haben scheint. Die Messe wurde wahrscheinlich komponiert für die als Kunstmäzenin bekannte und für ihre Verehrung Maria Magdalenas gefeierte Margarete von Österreich, und zwar zwischen 1507 und 1515, während ihrer Amtszeit als Statthalterin der Niederlande.
Festival-Quiz
Wo ist Tizians Büßende Magdalena ausgestellt?
Die Messe wird ergänzt durch die musikalische Vergegenwärtigung eines Vespergottesdienstes mit anonymen polyphonen Sätzen von Vesper-Antiphonen und einem Magnificat, die alle ausschließlich in den Den-Bosch-Manuskripten überliefert sind. Neben der Polyphonie umfasst das Programm auch den entsprechenden gregorianischen Choral aus denselben Quellen, der subtile Zeichen lokaler Praxis und dialektaler Färbung aufweist.
Hintergrund
Magdalenenhaar
Wie es für die Herangehensweise von Cappella Pratensis typisch ist, wird bei der Aufführung direkt aus der historischen Notation gesungen. Die Sänger sind dabei um ein einziges großes Chorbuch geschart und teilen einander Nuancen von Rhythmus und Phrasierung durch verschiedene Gesten und physische Berührung mit. Anders als eine moderne Chorpartitur verlangt die Notation den Ausführenden in Echtzeit Entscheidungen zu Fragen wie Textverteilung und nicht notierten Vorzeichen ab, zudem wird der cantus planus des Chorals mit historischen Techniken improvisierten Kontrapunkts ausgeschmückt. Das Ergebnis ist ein kreativer und flexibler Interpretationsansatz, der unmittelbar auf der historischen Praxis gegründet ist.
Tim Braithwaite (Künstlerischer Leiter)
Mit Dank an Prof. M. Jennifer Bloxam
Ausführende
Cappella Pratensis
Vokalensemble
Seit fast vierzig Jahren ist das mit einem Gramophone Award ausgezeichnete Ensemble Cappella Pratensis bekannt für seine innovative Herangehensweise an die Aufführung polyphoner Musik der Renaissance – als eines von nur einer Handvoll professioneller Ensembles weltweit, die direkt nach historischer Notation singen, statt Transkriptionen in Form moderner Chorpartituren zu verwenden. In der letzten Zeit ist das Ensemble noch intensiver in die musikalischen Traditionen seines Repertoires eingetaucht, indem es historische Improvisations- und Lehrmethoden erforscht und den liturgischen Kontext der Werke rekonstruiert. Das Ergebnis ist ein grundlegend immersiver Ansatz, bei dem die Interpreten aus einer wahrhaft verinnerlichten Beziehung zu vergangenen Musikkulturen schöpfen, um überzeugende und mitreißende Aufführungen zu bieten.
Neben seinen regelmäßigen Auftritten an Konzertstätten in den Niederlanden und Belgien ist das Emsemble bei führenden internationalen Festivals und Konzertreihen in ganz Europa, in Nord- und Südamerika und Japan zu Gast, darunter bei den Alte-Musik-Festivals in Boston, Berkeley, Utrecht und York. Seine Einspielungen wurden von der Fachkritik mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, u.a. mit dem Diapason d’Or, dem Prix Choc und drei aufeinanderfolgenden Gramophone Editor’s Choice-Empfehlungen für die letzten drei CDs. Die Einspielung des Requiems von Johannes Ockeghem wurde vom Gramophone Magazine zur besten von über 20 Aufnahmen aus den letzten 40 Jahren gekürt. 2022 gewann Cappella Pratensis mit der CD Apostola apostolorum den prestigeträchtigen REMA-EEMN Heritage Project of the Year Award. 2023 wurde die Einspielung von Jacob Obrechts Missa Maria zart mit dem italienischen Kritikerpreis Premio Abbiati ausgezeichnet, vom spanischen Musikmagazin Scherzo als »Disco Excepcional« gewürdigt und vom spanischen Magazin Ritmo mit 5 Sternen bewertet. 2024 gab es für diese Einspielung mit dem Gramophone Classical Music Award den vielleicht bedeutendsten Klassik-Musikpreis der Welt.

© Eduardus Lee
Impressum
Programmhefttext
Tim Braithwaite
Programmheftredaktion
Michael Rathmann
Herausgeber & Träger
Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.
Ostpreußenallee 5
D-41539 Dormagen


















