Einführung
Da gibt’s zu denken dabei, prophezeit Robert Schumann, als er am 16. April 1838 die Fertigstellung seiner Kreisleriana verkündet. Als literarische Vorlagen für den Klavierzyklus dienen dem Komponisten zwei Bücher Hoffmanns: die Lebensansichten des Katers Murr, in die in zufälligen Makulaturblättern Fetzen aus einer Vita des Kapellmeisters Johannes Kreisler eingestreut sind, und der Kreisleriana, einer sechsteiligen Sammlung völlig heterogener Texte wie Der Musikfeind oder Des Kapellmeisters musikalische Leiden. Die Überschriften verraten schon: Hier geht es um das verkannte Genie. Wen wundert es da, dass Schumann ebenso wie Brahms, der sich sogar in einigen Jugendwerken und Briefen selbst das Pseudonym Johannes Kreisler jun. leiht, mit der verzweifelten Gestalt des Kapellmeisters identifizieren. In einer musikalisch-literarischen Soirée im intimen Ambiente von Schloss Arff spüren wir jener Kreisler-Faszination nach.
Konzert ohne Pause. Ende gegen 18:15 Uhr.
Programm
1. [Kreisleriana, Vorrede]
Hoffmann Sonate f-Moll AV 27
1. Adagio e con gravità – Allegro
2. [Johannes Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl.]
Hoffmann Sonate f-Moll AV 27
2. Larghetto & 3. Allegro
3. [Kreisleriana: Des Kapellmeisters Johannes Kreisler musikalische Leiden]
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 10 Balladenmäßig. Sehr rasch (Florestan)
4. [Robert an Clara, 11. Februar 1838]
Schumann Bunte Blätter op. 99, Albumblätter
Nr. 1 Ziemlich langsam & Nr. 2 Schnell
5. [Robert an Clara, 14. April 1838]
Clara Wieck Soirées musicales op. 6
Nr. 2 Notturno F-Dur: Andante con moto
6. [Prinzessin Hedwiga und Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl.]
Schumann Kreisleriana op. 16
Nr. 4 Sehr langsam & Nr. 5 Sehr lebhaft
7. [Prinzessin Hedwiga & Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl]
Schumann Albumblätter op. 124
Nr. 4 Walzer. Lebhaft & Nr. 5 Phantasietanz. Sehr rasch
8. [Robert an Clara, Ende August 1838]
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 14 Zart und singend (Eusebius)
9. [Robert an Clara, 6. Februar 1838]
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 2 Innig (Eusebius)
Nr. 3 Mit Humor (Florestan)
Nr. 4 Ungeduldig (Florestan)
Nr. 5 Einfach (Eusebius)
Nr. 16 Mit gutem Humor (Florestan & Eusebius)
10. [Robert an Clara, 14. April 1838]
Schumann Novelletten op. 21
Nr. 5 Rauschend und festlich
11. [Kreisleriana, Vorbemerkung zum Briefwechsel mit dem Baron Wallborn]
Schumann Faschingsschwank aus Wien op. 26
Nr. 2 Romanze
12. [Kreisleriana: Der Musikfeind]
Schumann Fantasie C-Dur op. 17
Coda (Erstfassung)
Gesangs- und Lesetexte
1. [Kreisleriana, Vorrede]
Wo ist er her? – Niemand weiß es! – Wer waren seine Eltern? – Es ist unbekannt! – Wessen Schüler ist er? Eines guten Meisters, denn er spielt vortrefflich, und […] er ist wirklich und wahrhaftig Kapellmeister gewesen, dieser Johannes Kreisler! Die Freunde behaupteten, die Natur habe bei seiner Organisation ein neues Rezept versucht und der Versuch sei misslungen, indem seinem überreizbaren Gemüte, seiner bis zur zerstörenden Flamme aufglühenden Phantasie zu wenig Phlegma beigemischt und so das Gleichgewicht zerstört worden, das dem Künstler durchaus nötig sei, um mit der Welt zu leben und ihr Werke zu dichten, wie sie dieselben, selbst im höhern Sinn, eigentlich brauche. […] So kam es denn auch, dass die Freunde es nicht dahin bringen konnten, dass er eine Komposition aufschrieb oder, wirklich aufgeschrieben, unvernichtet ließ. Zuweilen komponierte er zur Nachtzeit in der aufgeregtesten Stimmung; – er weckte den Freund, der neben ihm wohnte, um ihm alles in der höchsten Begeisterung vorzuspielen, was er in unglaublicher Schnelle aufgeschrieben – er vergoss Tränen der Freude über das gelungene Werk – er pries sich selbst als den glücklichsten Menschen, aber den andern Tag – lag die herrliche Komposition im Feuer.
Hoffmann Sonate f-Moll AV 27
1. Adagio e con gravità – Allegro
2. [Johannes Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl.]
Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung im Leben vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich wirkten. […] Nein! – Als ich mich frei fühlte, da erfasste mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen frühen Jugendjahren, so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die Sehnsucht ist es, die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem höheren Leben entsprungen, ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird, weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht sterbe; nein – ein wüstes wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor nach einem Etwas, das ich in rastlosem Treiben außer mir selbst suche, da es doch in meinem eignen Innern verborgen, ein dunkles Geheimnis, ein wirrer rätselhafter Traum von einem Paradies der höchsten Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu ahnen vermag, und diese Ahnung ängstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies Gefühl bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plötzlich, dass ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in den Wald; auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos weinte und schluchzte, unerachtet ich eben der tollste, ausgelassenste von allen gewesen. Später lernte ich mich selbst mehr bekämpfen, aber nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn in der heitersten Umgebung gemütlicher wohlwollender Freunde, bei irgendeinem Kunstgenuss, ja selbst in den Momenten, wenn meine Eitelkeit in Anspruch genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn mir dann plötzlich alles elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fühlte in eine trostlose Einöde. Nur einen Engel des Lichts gibt es, der Macht hat über den bösen Dämon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus mir selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mächtiger Stimme alle Schmerzen irdischer Bedrängnis verstummen.
Hoffmann Sonate f-Moll AV 27
2. Larghetto & 3. Allegro
3. [Kreisleriana: Des Kapellmeisters Johannes Kreisler musikalische Leiden]
Sie sind alle fortgegangen. – Ich hätt‘ es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern, Brummen durch alle Tonarten bemerken können: es war ein wahres Bienennest, das vom Stocke abzieht, um zu schwärmen. Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder auf das Fortepiano hingestellt. Spielen kann ich nicht mehr, denn ich bin ganz ermattet; daran ist mein alter herrlicher Freund hier auf dem Notenpulte schuld, der mich schon wieder einmal, wie Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel, durch die Lüfte getragen hat, und so hoch, dass ich die Menschlein unter mir nicht sah und merkte, unerachtet sie tollen Lärm genug gemacht haben mögen.
Ein hundsföttischer, nichtswürdig vergeudeter Abend! […] Das Talent der Fräulein Röderlein ist wirklich nicht das geringste. Ich bin nun fünf Jahre hier und viertehalb Jahre im Röderleinschen Hause Lehrer; für diese kurze Zeit hat es Fräulein Nanette dahin gebracht, dass sie eine Melodie, die sie nur zehnmal im Theater gehört und am Klavier dann höchstens noch zehnmal durchprobiert hat, so wegsingt, dass man gleich weiß, was es sein soll. Fräulein Marie fasst es schon beim achten Mal, und wenn sie öfters einen Viertelston tiefer steht, als das Piano, so ist das bei solch niedlichem Gesichtlein und den ganz leidlichen Rosenlippen am Ende wohl zu ertragen. […] Während des Gesanges hat die Finanzrätin Eberstein durch Räuspern und leises Mitsingen zu verstehen gegeben: Ich singe auch. […] O schreie du, quieke, miaue, gurgle, stöhne, ächze, tremuliere, quinkeliere nur recht munter; ich habe den Fortissimozug getreten und orgle mich taub. […] Vier Saiten sind schon gesprungen, ein Hammer ist invalid. Meine Ohren gellen, mein Kopf dröhnt, meine Nerven zittern […] – Das hat mich angegriffen – ich trinke ein Glas Burgunder!
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 10 Balladenmäßig. Sehr rasch (Florestan)
4. [Robert an Clara, 11. Februar 1838]
In der Nacht vom 17ten zum 18ten October 1833 kam mir auf einmal der fürchterlichste Gedanke, den je ein Mensch haben kann, der fürchterlichste, mit dem der Himmel strafen kann – der, den Verstand zu verlieren – er bemächtigte sich meiner aber mit so einer Heftigkeit, dass aller Trost, alles Gebet wie Hohn und Spott dagegen verstummt. Diese Angst aber trieb mich von Ort zu Ort – der Athem verging mir, beim Gedanken ›wenn es einmal würde, dass du nicht mehr denken könntest‹ – Clara, der kennt keine Leiden, keine Krankheit, keine Verzweiflung, der nicht einmal so vernichtet war – damals lief ich denn auch in einer ewigen fürchterlichen Aufregung zu einem Arzt – sagte ihm Alles, dass mir die Sinne oft vergingen, dass ich nicht wüsste wohin vor Angst, ja dass ich nicht einmal dafür einstehen könnte, dass ich in einem solchen Zustand der äußersten Hülflosigkeit Hand an mein Leben lege …
Schumann Bunte Blätter op. 99, Albumblätter
Nr. 1 Ziemlich langsam & Nr. 2 Schnell
5. [Robert an Clara, 14. April 1838]
Aber, Clara, diese Musik jetzt in mir und welche schöne Melodien immer! Denke, seit meinem letzten Brief habe ich wieder ein ganzes Heft neuer Dinge fertig. ›Kreisleriana‹ will ich es nennen, in denen Du und ein Gedanke von Dir die Hauptrolle spielen, und will es Dir widmen – Ja Dir und Niemandem anders – da wirst Du lächeln so hold, wenn Du Dich wiederfindest. Meine Musik kömmt mir jetzt selbst so wunderbar verschlungen vor bei aller Einfachheit, so sprachvoll aus dem Herzen und so wirkt sie auch auf Alle, denen ich sie vorspiele, was ich gern und häufig tue jetzt! Wann wirst Du denn neben mir stehen, wenn ich am Klavier sitze – ach, da werden wir beide weinen wie die Kinder – das weiß ich – das wird mich überwältigen. – Nur heiter, mein Herz! Deine teure, schlanke Gestalt steht mir ja immer zur Seite und bald, bald bist Du ja mein. – Erzählen will ich Dir doch von neulich Nacht. Ich wachte auf und konnte nicht wieder einschlafen – und da ich mich dann immer tiefer in Dich und Dein Seelen- und Traumleben hineindachte, so sprach ich auf einmal mit innerer Kraft »Clara, ich rufe Dich!« – und da hörte ich ganz hart wie neben mir »Robert, ich bin ja bei Dir«. Es überfiel mich eine Art Grauen, wie die Geister über die großen Flächen Landes hinweg miteinander verkehren können. Ich tue es aber nicht wieder dieses Rufen; es hatte mich ordentlich angegriffen.
Clara Wieck Soirées musicales op. 6
Nr. 2 Notturno F-Dur: Andante con moto
6. [Prinzessin Hedwiga und Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl.]
»Der unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter«, sprach die Prinzessin Hedwiga, »und diese Liebe, schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.« – »So war«, sprach Kreisler sehr weich und mild […], »so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des Künstlers aufgegangen.« – »Was wollen Sie damit sagen, Kreisler?« fragte die Prinzessin, indem sie sich rasch umwandte. Worauf er: »Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schöne Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren Antlitz besagte Augen strahlen, schließen die Holde ein in Kreise, die, immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring, den sie der Geliebten an den Finger stecken […], als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene heimführen in das Ehestandsgefängnis. Dabei schreien sie denn ungemein: O Gott – oder o Himmel! oder, sind sie der Astronomie ergeben, o ihr Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o all ihr Götter, sie ist mein, die Schönste, all mein sehnend Hoffen erfüllt! – Also lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. – Es begibt sich wohl, dass besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich den Flor wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf Erden wandelnd, das Engelsbild, das als ein süßes unerforschtes Geheimnis schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt, ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose Wonne des höheren, aus dem Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fühlhörner streckt der Geist aus in brünstigem Verlangen und umnetzt die, die er geschaut, und hat sie und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt! – Und sie, sie selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete Ahnung, aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang – Bild – Gedicht! […] Besagte Musikanten schaffen, sind sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht, noch werden sie wahnsinnig.«
Schumann Kreisleriana op. 16
Nr. 4 Sehr langsam & Nr. 5 Sehr lebhaft
7. [Prinzessin Hedwiga & Kreisler in: Kater Murr, Mak. Bl]
»Es wird mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. […] Ist es recht, ist es billig, dass man im gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung obenanstehen soll, wo wechselseitige Anregungen Rede, Gesang forttreiben sollen wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, dass man da extravagante Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann? […] «
»O Gott, rief Kreisler, […] »o Gott, gnädigste Prinzessin! – wie ganz bin ich ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung! – Ist es nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all der Wehmut, mit all dem Schmerz, mit all dem Entzücken, das darin verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen, als dick verhüllt mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen denn alle Löschanstalten, die der gute Ton überall bereitet, taugen sie wohl was, sind sie wohl hinlänglich, um das Naphthafeuer zu dämpfen, das hie und da hervorlodern will? Spült man noch so viel Tee, noch so viel Zuckerwasser, noch so viel honettes Gespräch, ja noch so viel angenehmes Dudeldumdei hinunter, doch gelingt es diesem, jenem freveligen Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen, und die Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar, welches dem puren Mondschein niemals geschieht! […] – Ha! – Feuer – Feuer – Mordio! – es brennt! – Spritzenhaus auf – Wasser – Wasser – Hilfe, rettet!«
Schumann Albumblätter op. 124
Nr. 4 Walzer. Lebhaft & Nr. 5 Phantasietanz. Sehr rasch
8. [Robert an Clara, Ende August 1838]
Clara, mein herzliebes Mädchen […] Ich bin heute so romantisch, komme mir ordentlich verklärt vor, als säß ich auf dem Regenbogen, der eben am Himmel stand, und könnte alle kleinen Schmerzen und Kleinlichkeiten der Welt unter mir vorüberziehen sehen und lassen. Das sind schöne Tage ganz von Deinem Bild erfüllt. Mit Dir träum’ ich und lebe da.
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 14 Zart und singend (Eusebius)
9. [Robert an Clara, 6. Februar 1838]
Mir ist’s manchmal, als liefen in meinem Herzen eine Menge Gassen durcheinander und als trieben sich die Gedanken und Empfindungen drinnen wie Menschen durcheinander und rennen auf und nieder, und fragen sich, »wo geht es hier hin?« – zu Clara – »wo hier?« – zu Clara – Alles zu Dir!
Hast Du die Davidstänze […] nicht erhalten? Ich habe sie Sonnabend vor acht Tagen an Dich geschickt. Nimm Dich ihrer etwas an, hörst Du? sie sind mein Eigentum … Was aber in den Tänzen steht, das wird mir meine Clara herausfinden, der sie mehr wie irgend etwas von mir gewidmet sind – ein ganzer Polterabend nämlich ist die Geschichte und Du kannst Dir nun Anfang und Schluss ausmalen. War ich je glücklich am Klavier, so war es als ich sie komponierte.
Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 2 Innig (Eusebius)
Nr. 3 Mit Humor (Florestan)
Nr. 4 Ungeduldig (Florestan)
Zürnt Florestan,
Schmieg Dich an Eusebius an!
Nr. 5 Einfach (Eusebius)
Florestan den Wilden,
Eusebius den Milden,
Tränen und Flammen,
Nimm sie zusammen
In mir beide
Den Schmerz und die Freude!
Nr. 16 Mit gutem Humor (Florestan & Eusebius)
10. [Robert an Clara, 14. April 1838]
Nun aber kann ich auch sehr ernst sein, oft tagelang – und das kümmere Dich nicht – es sind meist Vorgänge in meiner Seele, Gedanken, über Musik und Kompositionen. Es affiziert mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Literatur, Menschen; über alles denke ich nach meiner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind auch viele meiner Kompositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige der Zeit ergreift, und ich es dann musikalisch wieder aussprechen muss. Darum genügen mir auch so wenig neuere Kompositionen, weil sie, angesehen von allen Mängeln des Handwerks, sich auch in musikalischen Empfindungen der niedrigsten Gattung, in gewöhnlichen lyrischen Ausrufungen herumtreiben. Das Höchste, was hier geleistet wird, reicht noch nicht bis zum Anfang der Art meiner Musik. Jenes kann eine Blume sein, dieses ist das um so viel geistigere Gedicht; jenes ein Trieb der rohen Natur, dieses ein Werk dichterischen Bewusstseins. Dies alles weiß ich auch nicht während des Komponierens und kommt erst hinterher – Du wirst wohl wissen, wie ich’s meine, die Du auf solcher Höhe der Leiter stehst. Auch kann ich nicht darüber sprechen, wie überhaupt über Musik nur in einzelnen Sätzen, aber ich denke wohl darüber nach – kurz, sehr ernst wirst Du mich zuweilen finden und gar nicht wissen, was Du von mir denken sollst. Sodann darfst Du mir nicht zu sehr aufpassen, wenn ich komponiere – das könnte mich zur Verzweiflung bringen – auch ich verspreche Dir, nur sehr selten an Deiner Türe zu lauschen – – das wird ein rechtes Dichter- und Blütenleben geben – wie die Engel wollen wir zusammen spielen und dichten und den Menschen Freude bringen …
Schumann Novelletten op. 21
Nr. 5 Rauschend und festlich
11. [Kreisleriana, Vorbemerkung zum Briefwechsel mit dem Baron Wallborn]
Schon lange galt der arme Johannes Kreisler allgemein für wahnsinnig, und in der Tat stach auch sein ganzes Tun und Treiben, vorzüglich sein Leben in der Kunst, so grell gegen alles ab, was vernünftig und schicklich heißt, dass an der innern Zerrüttung seines Geistes kaum zu zweifeln war. Immer exzentrischer, immer verwirrter wurde sein Ideengang: so zum Beispiel sprach er, kurz vor seiner Flucht aus dem Orte, viel von der unglücklichen Liebe einer Nachtigall zu einer Purpurnelke, das Ganze sei aber (meinte er) nichts als ein Adagio und dies nun wieder eigentlich ein einziger, lang ausgehaltener Ton Juliens, auf dem Romeo in den höchsten Himmel voll Liebe und Seligkeit hinaufschwebe. Endlich gestand er mir, wie er seinen Tod beschlossen und sich im nächsten Walde mit einer übermäßigen Quinte erdolchen werde. […] Noch in der Nacht, als er auf immer schied, brachte er seinem innigsten Freunde Hoffmann einen sorgfältig versiegelten Brief mit der dringenden Bitte, ihn gleich an die Behörde abzusenden. Das war aber nicht wohl tunlich, da der Brief die wunderliche Adresse hatte:
An den Freund und Gefährten in Liebe, Leid und Tod!
Abzugeben in der Welt, dicht an der großen Dornenhecke, der Grenze der Vernunft.
Schumann Faschingsschwank aus Wien op. 26
Nr. 2 Romanze
12. [Kreisleriana: Der Musikfeind]
Mir schräg über wohnt der Konzertmeister, welcher jeden Donnerstag ein Quartett bei sich hat, wovon ich zur Sommerszeit den leisesten Ton höre, da sie abends, wenn es still auf der Straße geworden, bei geöffneten Fenstern spielen. Da setze ich mich aufs Sofa und höre mit geschlossenen Augen zu und bin ganz voller Wonne – aber nur bei dem ersten; bei dem zweiten Quartett verwirren sich schon die Töne, denn nun ist es, als müssten sie im Innern mit den Melodien des ersteren, die noch darin wohnen, kämpfen; und das dritte kann ich gar nicht mehr aushalten. Da muss ich fortrennen, und oft hat der Konzertmeister mich schon ausgelacht, dass ich mich von der Musik so in die Flucht schlagen ließe. – Sie spielten wohl, wie ich gehört habe, an sechs, acht solche Quartetts, und ich bewundere in der Tat die außerordentliche Geistesstärke, die innere musikalische Kraft, welche dazu gehört, so viel Musik hintereinander aufzufassen und durch das Abspielen alles so, wie im Innersten empfunden und gedacht, ins lebendige Leben ausgehen zu lassen. – Ebenso geht es mir mit den Konzerten, wo oft schon die erste Symphonie solch einen Tumult in mir erregt, dass ich für alles übrige tot bin. Ja, oft hat mich eben der erste Satz so aufgeregt, so gewaltsam erschüttert, dass ich mich hinaussehne, um all die seltsamen Erscheinungen, von denen ich befangen, deutlicher zu schauen, ja mich in ihren wunderbaren Tanz zu verflechten, dass ich, unter ihnen, ihnen gleich bin. Es kommt mir dann vor, als sei die gehörte Musik ich selbst.
Schumann Fantasie C-Dur op. 17
Coda (Erstfassung)
Ausführende
Besetzung
Christine Schornsheim – Historischer Flügel
Andreas Grötzinger – Rezitation
Christine Schornsheim
Historischer Flügel
© Astrid Ackermann
Impressum
Programmheftredaktion
Michael Rathmann
Herausgeber & Träger
Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.
Ostpreußenallee 5
D-41539 Dormagen



















