Programm
Wer ist Johannes Kreisler? (Hoffmanns Kreisleriana, Vorbemerkung)
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776–1822)
Sonate f-Moll AV 27
1. Adagio e con gravità – Allegro
Kreislers unerfüllbare Sehnsucht (Kater Murr)
E.T.A. Hoffmann Sonate f-Moll AV 27
2. Larghetto & 3. Allegro
Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden (Hoffmanns Kreisleriana)
Robert Schumann (1810–1856)
Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 10 Balladenmäßig. Sehr rasch (Florestan)
Schumanns Wahnsinnsangst (an Clara, 11. Februar 1838)
Robert Schumann Bunte Blätter op. 99, Albumblätter
Nr. 1 Ziemlich langsam & Nr. 2 Schnell
Schumanns Kreisleriana & Nachtgedanken (an Clara, 14. April 1838)
Clara Wieck (1819–1896)
Soirées musicales op. 6
Nr. 2 Notturno F-Dur: Andante con moto
Die Liebe des Künstlers (Kater Murr)
Robert Schumann Kreisleriana op. 16
Nr. 4 Sehr langsam & Nr. 5 Sehr lebhaft
Prinzessin Hedwigas Kritik & Kreislers Erwiderung (Kater Murr)
Robert Schumann Albumblätter op. 124
Nr. 4 Walzer. Lebhaft & Nr. 5 Phantasietanz. Sehr rasch
Schumann ist so ›romantisch‹ zumute (an Clara, Ende August 1838)
Robert Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 14 Zart und singend (Eusebius)
Schumann: Davidstänze & kleine Verse (an Clara, Februar & Dezember 1838)
Robert Schumann Davidsbündlertänze op. 6
Nr. 2 Innig (Eusebius)
Nr. 3 Mit Humor (Florestan)
Nr. 4 Ungeduldig (Florestan)
Nr. 5 Einfach (Eusebius)
Nr. 16 Mit gutem Humor (Florestan & Eusebius)
Schumann über seine Schaffensweise (an Clara, 14. April 1838)
Robert Schumann Novelletten op. 21
Nr. 5 Rauschend und festlich
Kreislers Abschied (Hoffmanns Kreisleriana, Wallborn-Briefe)
Robert Schumann Faschingsschwank aus Wien op. 26
Nr. 2 Romanze
Der Musikfeind (Hoffmans Kreisleriana)
Robert Schumann Fantasie C-Dur op. 17
Coda (Erstfassung)
Einführung
HERR K. IST NICHT ZU FASSEN
Wenn das kein denkwürdiger Zufall ist: Just im selben Jahr wie Robert Schumann kommt in Bamberg jener zwischen Genie und Wahnsinn gefährlich oszillierende fiktive Kapellmeister Johannes Kreisler zur Welt, den unser heutiges Programm in Wort und Ton umkreiselt. Am 26. September 1810 hat er in der Allgemeinen musikalischen Zeitung seinen ersten Auftritt in der humoristischen Erzählung »Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden«. Es wird nicht der letzte sein, denn sein Autor, der damals selbst als glückloser Kapellmeister in Bamberg ähnliche musikalische und andere Leiden, aber auch immer wieder enthusiastische schöpferische Aufschwünge durchlebt, wird sich zeitlebens nicht mehr von ihm trennen. Nicht nur unterzeichnet Hoffmann gelegentlich seine Texte als »Johannes Kreisler« und schreibt diesem manche seiner eigenen Kompositionen zu, er fasst auch weitere, zunächst einzeln veröffentlichte Kreisler-Texte unter dem Sammeltitel »Kreisleriana« (das ist Latein, der Plural von »Kreislerianum«, also soviel wie: »Kreisler-Sachen«) in seinen Fantasiestücken in Callots Manier zusammen. Und macht Kreisler schließlich zur eigentlichen Hauptgestalt seines so kunst- wie absichtsvoll zerrissenen Romangebildes mit dem barocken Titel Lebens-Ansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Herausgegeben von E.T.A. Hoffmann, dessen 1. Band 1819 in Berlin erscheint. »Herausgegeben«, wohlgemerkt, so als hätte Hoffmann weder die Kater- noch die Kreisler-Biografie selbst verfasst, obwohl sein Kreisler bis in die Kindheitserinnerungen hinein unverkennbar autobiografische Züge trägt und sich vor den Zumutungen des Lebens in ebenso irritierende Ausbrüche exzentrischen Humors rettet wie Hoffmann selbst. Band 2 folgt erst zwei Jahre später, Hoffmann hat als hochgeachteter, wenn auch nicht unumstrittener preußischer Kammergerichtsrat viel zu tun, schreibt eine Menge anderer Sachen und ist zu der Zeit schon schwerkrank. Der angekündigte 3. Band, für den er einen Vorschuss kassiert, bleibt ungeschrieben.
Hintergrund
Kreislers Kater
Eine recht ordentlich wilde Liebe
So wissen wir nicht, wie Hoffmann Kreislers Geschichte zuende erzählt und die geheimnisvollen Verwicklungen um dessen Person aufgelöst hätte – falls er das überhaupt wollte. Wir wissen auch nicht genau, was der von Jugend an begeisterte Hoffmann-Fan Robert Schumann von all den untergründig miteinander kommunizierenden, einander bald ergänzenden, bald widersprechenden »Kreisleriana« eigentlich gelesen hatte, bevor er seinem op. 16 diesen Titel gab. Wir wissen aber zuverlässig von ihm selbst, dass darin Clara Wieck und »ein Gedanke« von ihr »die Hauptrolle spielen« – wie überhaupt die Liebe zu Clara und der Kampf um die von Claras Vater so standhaft verweigerte Einwilligung zur Heirat damals die Hauptrolle in seinem Leben spielt. In sein mit getrockneten Blumen verziertes »Brautbuch« für Clara notiert Robert am 17. März 1838 die »Scizze zu e. Etude«, aus der wenig später die Nr. 5 der Kreisleriana wird. Und nach Vollendung des Werkes schreibt er seiner Braut: »Meine Kreisleriana spiele manchmal! Eine recht ordentlich wilde Liebe liegt darin in einigen Sätzen, und Dein Leben und meines und manche Deiner Blicke.« Aber nicht allein in den Kreisleriana, auch in anderen Werken aus dieser Zeit wie den Davidsbündlertänzen oder der Fantasie C-Dur ist die ferne Geliebte immerdar präsent. Das wissen wir nun wieder aus dem Briefwechsel der beiden, denn da sie immer wieder lange getrennt sind, schreiben sie einander unentwegt und ziehen ihre Liebe recht romantisch groß, indem sie wieder und wieder formulieren, was sie einander sind: im Leben und in der Kunst, was für sie doch in eins gehen muss, sonst ist es nicht das Wahre.
Festival-Quiz
Für welchen Vornamen steht bei E.T.A. Hoffmann das A.?
Phantasie und Formgestaltung
Schon gleich im ersten Kreislerianum, den »Musikalischen Leiden«, lässt Hoffmann seinen Kreisler, von Bachs Goldberg-Variationen elektrisiert, deren Thema wie im Rausch bis zur Erschöpfung weitervariieren. Im dritten, »Kreislers musikalisch-poetischer Klub« betitelt, improvisiert er gar auf einem kaputten Klavier ein ganzes wüstes Melodram, bis das bleiche Gespenst des Wahnsinns »mit den rot funkelnden Augen« die »krallichten Knochenfäuste« nach ihm ausstreckt. Freies Fantasieren auf dem Klavier ist stets auch eine Lieblingsbeschäftigung von Robert Schumann gewesen, wie dessen Studienkamerad Theodor Töpken bezeugt. »Die Ideen strömten ihm zu in einer Fülle, die sich nie erschöpfte. Aus einem Gedanken, den er in allen Gestalten erscheinen ließ, quoll und sprudelte alles andere wie von selbst hervor, und hindurch zog sich der eigenthümliche Geist in einer Tiefe und mit allem Zauber der Poesie«, berichtet er später und muss gestehen: Einen derartigen Genuss habe er seither auch bei den größten Künstlern, die er hörte, nie wieder empfunden. Und dem Freund Oswald Lorenz kommen die »zwanglosen Ergüsse« von Schumanns Fantasie schon wie Kompositionen vor, die noch der Niederschrift harren.

Kapellmeister Kreisler tanzt im Wahnsinn, Zeichnung von E. T. A. Hoffmann
Als 19-jähriger hat Schumann an seinen Lehrer Friedrich Wieck ganz kreislermäßig noch geschrieben: »… aber ich bin manchmal so voll von lauter Musik u. so recht überfüllt von nichts als Tönen, daß es mir eben nicht möglich ist Etwas nieder zu schreiben.« Neun Jahre später sieht das schon ganz anders aus, da tun sich ihm bei der Arbeit an den Kreisleriana »ganz neue Welten« auf und er schreibt an Clara: »Mit den Formen spiel ich. Überhaupt ist es mir seit etwa anderthalb Jahren, als wär ich im Besitz des Geheimnisses; das klingt so sonderbar. Vieles liegt noch in mir. Bleibst du mir treu, so kommt alles an den Tag; wo nicht, bleibts begraben.«
Hintergrund
Hoffmanns Kater
Es kommt alles an den Tag, und für das souveräne Spiel mit den Formen kann Schumann nicht zuletzt bei E.T.A. Hoffmann horizonterweiternde Inspirationen finden. Sind doch dessen Kreisleriana ein ganzes Kompendium Hoffmannscher künstlerischer Betätigungen und Reflexionen, die zusammengenommen dessen Individualität ausmachen, welche wiederum die Fülle heterogener Einfälle zusammenhält. Es finden sich darin unter anderem beißend ironische »Gedanken über den hohen Wert der Musik«, tiefgründige Einlassungen zu »Beethovens Instrumentalmusik« oder ein so sachverständiger wie sarkastischer Kommentar zum Dekorations- und Maschinenwesen im Theater. Auch übermittelt Kreisler als »Nachricht von einem gebildeten jungen Mann« den Brief eines überkandidelten zivilisierten Affen, der als Klaviervirtuose reüssiert, und stellt sich schließlich selber einen Lehrbrief aus. Hinzu kommt noch der Briefwechsel Kreislers mit dem Baron Wallborn als Alter Ego, hinter dem sich kein anderer als der mit Hoffmann befreundete Dichter Friedrich de la Motte Fouqué verbirgt. Auch an Kreislers musikalisch-poetischen Klub und Hoffmanns im realen Leben verwurzelten Künstler-Klub der »Serapionsbrüder« kann Schumann nahtlos anknüpfen, als er seinen »Davidsbund« ins Leben ruft, der dem Philistertum in Kunst und Leben den Kampf ansagt und in Schumanns selbstgegründeter Neuer Zeitschrift für Musik mit multiperspektivischen Musikkritiken in Dialogform auftritt.

Umschlag mit einem Porträt des Katers, vermutlich nach einer eigenen Zeichnung Hoffmanns.
Genie und Wahnsinn
Sicher hat Schumann sich der Kreisler-Gestalt in vielem nahe gefühlt, wie Hoffmann sie zuletzt im Kater Murrweiterentwickelt hat. Hier ist sein Held schon nicht mehr ganz der rettungslose Fantast der Kreisleriana und vermag durchaus, Kompositionen zu Papier zu bringen. Aber noch immer stößt er sich mit seinem unbedingten Kunstwollen am Leben wund. Dieses immer wieder aufkommende Gefühl, »dass ich wirklich nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein ewiges rätselhaftes Missverständnis«, dürfte auch Robert Schumann bekannt vorgekommen sein. Die Ängste und Gefährdungen jener, »die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben, weil sie einem höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die Bedingung des Lebens halten«, jener Ungeschützten, »deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft« (wie es der Abt des Klosters ausdrückt, in dem der verstörte Kreisler des Kater Murr vorübergehend Zuflucht findet) – Schumann kannte sie nur zu gut. Aber ebenso wie E.T.A. Hoffmann wusste er eben auch gerade die unheimlichen, sich der Kontrolle entziehenden Seelenzustände in gültige künstlerische Formen zu bannen.
Hintergrund
Kreislers Hund
Von gespenstischen Doppelgänger-Gestalten heimgesucht, kämpft der Roman-Kreisler verzweifelt gegen den Sog des Wahnsinns an – ob er ihm schließlich erliegt, bleibt ungewiss. Sein Schöpfer E.T.A. Hoffmann stirbt am 25. Juni 1822 in seiner Wohnung in Berlin, ohne eine Zeile des 3. Bandes zu Papier gebracht zu haben; vollständig gelähmt, aber geistig klar und rege bis zuletzt. Robert Schumanns frühe Angst, den Verstand zu verlieren, wird sich hingegen aufs Grausamste bewahrheiten, und niemand ist bei ihm, als sein Leben am 29. Juli 1856 in der Nervenheilanstalt Endenich still zuende geht. Clara wird ihn nicht nur lange überleben, sondern sich tatkräftig ein eigenes Leben aufbauen, das nicht nur Roberts Andenken gewidmet ist. Aber was sie miteinander erlebt und geschaffen haben, kann ihnen keiner nehmen. Und uns auch nicht. Wie schrieb doch Robert damals im Hochgefühl der Kreisleriana-Zeit: » – wie die Engel wollen wir zusammen spielen und dichten und den Menschen Freude bringen.«
Festival-Quiz
Was konnte Hoffmann am 29. Juli 1817 von seinem Fenster aus beobachten?Was konnte Hoffmann am 29. Juli 1817 von seinem Fenster aus beobachten?
Nachklang
So lassen wir unsere musikalisch-literarischen »Kreisleriana« ausklingen mit dem Schluss der Fantasie C-Dur op. 17, die derselben schmerzhaft-glücklichen Schaffenszeit entstammt – und luchsen Schumann dafür die Coda ab, die er aus der Druckfassung später entfernte: Noch einmal erklingt hier nämlich jenes berühmte Zitat aus Beethovens Liederzyklus An die ferne Geliebte, das schon im 1. Satz der Fantasie aufleuchtet: »Nimm sie hin denn, diese Lieder« – ein Hommage an den auch von E.T.A. Hoffmann grenzenlos verehrten Beethoven und mehr noch an die geliebte Clara, ohne die das alles nicht geworden wäre.
Babette Hesse
Ausführende
Christine Schornsheim
Historischer Flügel
Mit einer fast unerschöpflichen Vielzahl an Klängen verschiedener historischer Tasteninstrumente, auf denen sie zu Hause ist, und grenzenloser musikalischer Fantasie begeistert Christine Schornsheim seit vielen Jahren ihr Publikum. Als Solistin am Cembalo und Hammerflügel ist die international anerkannte Spezialistin der Alten Musik gleichermaßen gefragt wie als kammermusikalische Partnerin u.a. von Mayumi Hirasaki, Andreas Staier, Dorothee Oberlinger, Hille Perl oder Kristin von der Goltz. Konzertreisen führten sie in die meisten europäischen Länder sowie in die USA, nach Israel und Japan, wo sie regelmäßig gastiert. Unter ihren zahlreichen, mehrfach mit Preisen wie dem ECHO Klassik, dem Preis der deutschen Schallplattenkritik oder dem französischen Diapason d’Or ausgezeichneten CDs sei in diesem Rahmen besonders ihre Gesamtaufnahme des Solo-Clavierwerks von Joseph Haydn hervorgehoben: Die Einspielung seiner Klaviersonaten auf fünf historischen Tasteninstrumenten, gefolgt von den Clavier-Konzerten, ebenfalls auf historischem Instrumentarium, gilt als diskografischer Meilenstein. Höchstes Lob der Fachpresse erntete sie auch mit Bachs Wohltemperirtem Clavier, eingespielt auf einem der wenigen erhaltenen Cembali des Antwerpener Instrumentenbaumeisters Anton Ruckers. Den 2. Teil nahm sie 2022 im Rahmen des Projekts All of Bach der Nederlandse Bachvereniging, das zum Ziel hat, alle Werke Johann Sebastian Bachs online zur Verfügung zu stellen, noch einmal auf. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig wechselte Christine Schornsheim 2002 an die Hochschule für Musik und Theater München, wo sie als Professorin für historische Tasteninstrumente und Leiterin des Instituts für Historische Aufführungspraxis tätig ist.
© Astrid Ackermann
Impressum
Text
Babette Hoffmann
Programmheftredaktion
Michael Rathmann
Herausgeber & Träger
Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.
Ostpreußenallee 5
D-41539 Dormagen



















