• Dorothee Oberlinger © Felix Broede

  • Sreten Manojlovic © Moritz Schell

  • Freiburger Barockorchester © Foppe Schut

Digitales Programmheft · 2026

Unheimlich.

Unheimlich.

Fantastisch.

Fantastisch.

Uhr

Uhr

Programm

Jean-Féry Rebel (1666–1747)
aus: Les Éléments
Le Chaos
Chaconne (Le Feu – Das Feuer)

Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Orgelkonzert F-Dur op. 4 Nr. 5 HWV 293
in der Bearbeitung für Blockflöte, Streicher & B.c.
(nach der Blockflötensonate HWV 369)
Larghetto – Allegro

»Fra l’ombre e gl’orrori«
Arie des Polifemo aus: Aci, Galatea e Polifemo

Orgelkonzert F-Dur op. 4 Nr. 5 HWV 293
Alla siciliana – Presto

»I rage, I melt, I burn / O ruddier than the cherry«
Rezitativ & Arie des Polyphemus aus: Acis and Galatea

Antonio Vivaldi (1678–1741)
Konzert g-Moll RV 439 »La Notte«
für Flöte & Orchester
Largo
Fantasmi: Presto – Largo – Andante
Presto
Il Sonno: Largo
Allegro

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704)
Ciacona »Nachtwächter«
aus: Serenada a cinque A 877a

PAUSE

Jean-Baptiste Lully (1632–1687)
»Dormons, dormons tous«
Schlummerszene aus: Atys (III. Akt)

Jean de Cambefort (1605–1661)
»Languissante clarté«
Récit der Nacht aus: Le Ballet Royal de la Nuit

Jean-Baptiste Lully

Passacaille aus: Armide

Henry Purcell (1659–1695)
»What power art thou?« (The Cold Song)
aus: King Arthur, or The British Worthy

Jacob van Eyck (1590–1657)
Engles Nachtigaeltje

Antonio Vivaldi

Konzert fur Flautino C-Dur RV 444
Allegro non molto
Largo
Allegro

Luigi Boccherini (1743–1805)
Quintetto per archi op. 30 Nr. 6
»La musica notturna delle strade di Madrid«
Ritirata (Maestoso)

Einführung

Wie im Traum duch Zeit und Raum

Am Anfang war der Urknall – so lautet heute die gängigste Theorie zur Entstehung des Universums. Wie konnte ein 70-jähriger Barockmeister das ahnen und vor fast 300 Jahren die tönende Singularität erfinden, mit der unser Konzert beginnt? Eine kolossale Dissonanz aus allen Tönen der d-Moll-Tonleiter – so klingt das Chaos bei Jean-Féry Rebel, bevor sich die vier Elemente ihm entringen. Das Wesen des Feuers fängt er ein im lebhaften, brillanten Spiel der Violinen, wie sie in der Chaconne aus seiner choreografischen Symphonie Les Éléments die Flammen tanzen lassen, der er Le Cahos als Prolog voranstellte.

Und fängt nicht alles künstlerische Schöpfertum so an, mit diesem magischen Moment, wo alles überall auf einmal da ist, ehe sich gestalthafte Ordnung in der Zeit entfaltet? Wie kaum ein anderer hat E.T.A. Hoffmann die abgründigen Zustände erweiterten Bewusstseins in Wachtraum, Traum und Rausch erforscht und produktiv gemacht zu literarischer Gestaltung: Und gleich dem Archivarius Lindhorst, der sich im Märchen vom Goldnen Topf den staunenden Mitbürgern als feuergeborener Salamander offenbart, machen Hoffmanns Figuren oftmals wundersame Metamorphosen durch, die denen des Ovid in nichts nachstehen.

Hintergrund

Hintergründe zum Konzert

Händels Bass-Zyklopen

Bei Ovid finden wir auch den antiken Liebesmythos vom sterblichen Hirten Acis und der Meeresnymphe Galatea. Der Riese Polyphem in seiner Höhle unterm Ätna begehrt die schöne Nymphe gleichfalls – und kann ihre Zurückweisung nicht verschmerzen. Mehrfach hat Georg Friedrich Händel diesen Stoff vertont, zuerst 1708 in Neapel mit der Serentata Aci, Galatea e Polifemo, wo er einem Ausnahme-Bassisten die Gleichnis-Arie vom Schmetterling im Dunkeln »Fra l’ombre e gl’orrori« auf den Leib schrieb. Von verdunkelten, gedämpften Instrumentalfarben begleitet, taumelt Polifemo als Riesen-Nachtfalter orientierunglos durch gut zweieinhalb Oktaven, grotesk und unheimlich zugleich. Umrahmt wird sie von den vier Sätzen des Orgelkonzerts F-Dur op. 4 Nr. 5, für das Händel in bewährter Manier eine eigene Blockflötensonate (op. 1 Nr. 11) recycelt hat: Mit ihrer Bearbeitung als Flötenkonzert führen Dorothee Oberlinger und das FBO Händels Orgelkonzert gekonnt zu seinen musikalischen Ursprüngen zurück. – Mit rustikalerem Humor porträtiert zeigt sich danach der Riese im neuen Stück über dieselbe Geschichte, Acis and Galatea, das 1718 in England für den Earl of Carnarvon entstand. 1732 machte Händel daraus noch eine englisch-italienische Fassung für seine eigene Operntruppe mit dem »Superbass« Antonio Montagnana. In seiner Szene »I rage, I melt, I burn / O ruddier than the cherry« wünscht sich der Riese zum Ausdruck seiner Gefühle eine gigantische Panflöte, bekommt aber nur ein Flötchen zugesellt. In jeder Version der Geschichte wird er den armen Acis aber schließlich mit einem Lavabrocken vom Ätna erschlagen: ganz wie bei E.T.A. Hoffmann groteske Komik jederzeit umschlagen kann in Tragik und Gewalt, und umgekehrt. Bei Ovid verwandeln die mitfühlenden Götter Acis‘ Blut in einen Fluss und Galatea in Meerschaum, so sind sie auf ewig wiedervereint … willkommen im Reich der Träume, Hoffmanns ureigenstem Element!

Festival-Quiz

Womit war Hoffmann in seiner Eigenschaft als Kammergerichtsrat zuletzt befasst?

Träume, Phantasmen, Phantome

Die Nacht bricht an. Schon bei den pochenden Unisono-Rhythmen und grummelnden Triolen zu Beginn des Flötenkonzertes »La Notte« von Antonio Vivaldi wird einem bang im Dunkeln – aus dem dann prompt die »Fantasmi«, die Gespenster, hervorbrechen. In grellen Alpträumen von fratzenhaften Nachtgesichten heimgesucht, fällt der erschöpfte Träumer endlich in einen schweren, dumpfen Schlaf (unerhört suggestiv: »Il Sonno«), bevor er wieder zu sich kommt und der ganze Spuk sich wie von Zauberhand in Luft auflöst. Der perfekte Soundtrack zu einem Hoffmannschen Nachtstück wäre das gewesen – aber Vivaldi war damals vergessen und wurde erst lange nach Hoffmanns Tod allmählich wiederentdeckt.

»Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen …«

So ließ sich wohl auch noch zu Hoffmanns Zeiten der Nachtwächter auf seinem allabendlichen Rundgang durch die Stadt vernehmen. Er mahnte die Bewohner, Feuer und Licht zu löschen und sich vor zweifelhaftem Nachtgelichter zu bewahren. Wie das Anno 1673 in Salzburg klang, hat Heinrich Ignaz Franz Biber in der Ciacona seiner launigen Serenada à cinque festgehalten. Und damit zu nachtschlafender Zeit kein ruhestörender Lärm entsteht, lässt er die Streicher auch nicht streichen, sondern »die Instrumenta werden alle ohne Bogen gespielt wie auf der Lauten […], nemblich die Geigen unter die Armen.« So gehen Sie wohlbehütet in die Pause.

Hintergrund

Autor mit Fachwissen

Barocke Traumtänzer

»Le merveilleux« – das Wunderbare – ist erklärtermaßen die Domäne der französischen Barockoper, in deren Traum- und Schlummerszenen, »Sommeil« genannt, es sich besonders verführerisch entfaltet. Im 3. Akt von Jean-Baptiste Lullys Oper Atys sieht der Titelheld, zerrissen zwischen einer verbotenen Liebe und seiner Pflicht als neuer Oberpriester der mächtigen Muttergöttin Cybele, einer unruhigen Nacht entgegen. Der Schlaf tritt auf in Person, von drei Traumgöttern begleitet: Geradezu narkotisierend wirken suggestiver Gesang, wiegender Rhythmus und betörender Flötensound in seinem »Dormons, dormons tous« (Schlafen wir, schlafen wir alle) zusammen.

Dass die Nacht aber nicht allein zum Schlafen da ist, wurde dem Pariser Publikum schon 1653 vorgeführt: Im spektakulären Ballet Royal de la Nuit, dem »Königlichen Ballett der Nacht«, breitet die Nacht, wie sie in ihrem Auftrittsgesang »Languissante clarté« höchstselbst verkündet, all ihre geheimnisvollen Reize aus, von denen der Tag nichts ahnt.

Nicht zuletzt war die Nacht schon immer die beste Freundin der Verliebten, die in ihrem Schutz heimliches oder auch unheimliches Glück genießen – wie der Ritter Renaud im Bann der schönen Zauberin Armide in Jean-Baptiste Lullys wohl berühmtester Oper. Aber die hinreißende große Passacaille ist ganz auf Moll gestimmt und schmeckt nach Abschied: Armide hat den verwirrten Renaud in ihrem Palast der Illusionen allein gelassen, und all die Genüsse, die sich ihm sonst dort bieten, können ihn nicht hinwegtrösten über die Abwesenheit der Geliebten.

So muss auch in Henry Purcells Semi-Opera King Arthur erst der Liebesgott erscheinen, um den »Genius der Kälte« aus tödlicher Erstarrung in Eis und Finsternis zu erwecken. Lullys Passacaillen und Chaconnen waren Purcell nicht unbekannt. Vielleicht ließ er sich vom französischen Zeitgenossen auch für seinen berühmten Cold Song inspirieren und für den Zitterchor des »Volkes der Kälte«, der in Lullys Oper Isis einen kleinen humoristischen Vorläufer hat.

Die Stimme der Natur

»Der Musiker«, heißt es einmal bei Hoffmann, »das heißt der, in dessen Innerem die Musik sich zum deutlichen, klaren Bewusstsein entwickelt, ist überall von Melodie und Harmonie umflossen.« So auch bei Nacht – und ist es nicht wunderbar, dass die Natur der Nacht eine so einzigartige Stimme schenkte? Nicht erst die Romantiker sind der Nachtigall verfallen: Für Athanasius Kircher, den großen Musikgelehrten des 17. Jahrhunderts, verkörperte sie die Idee »der gantzen Music-Kunst« schlechthin. Zahllose Komponisten hat ihr vielfältiger Gesang mit den melodiösen Schluchzern zu musikalischer Nachgestaltung angeregt; Flötenmeister Jacob van Eyck veredelte in seinem Engles Nachtigaeltje virtuos eine englische Weise, die damals als europaweit populärer Top-Hit in den verschiedensten »Coverversionen« kursierte.

Mit dem aufgeweckten Flautino in Antonio Vivaldis Flötenkonzert C-Dur RV 444 kann es die Nachtigall nicht aufnehmen, der hat der ganzen Vogelschar das Know-how eines genialen Komponisten voraus, »in dessen Innerem die Musik sich zum deutlichen, klaren Bewusstsein entwickelt« hat. Vivaldi überführt die mannigfachen Motive und Figuren des Vogelgesangs in ein atemberaubendes musikalisches Formenspiel, das bei aller technischen Kunstfertigkeit stets die Spontaneität und Unberechenbarkeit des natürlichen Vorbilds bewahrt – ein fantastischer Traum von einem Vogelkonzert.

Festival-Quiz

Sigmund Freud war tatsächlich ein begeisterter Hoffmann-Leser – mit welcher Erzählung hat er sich in seinem Essay Das Unheimliche besonders auseinandergesetzt?

Zurück in die Stadt

Als Luigi Boccherini mit seinem Dienstherrn von Madrid in die Provinz umziehen muss, vermisst er das tönende Nachtleben der Großstadt offenbar so sehr, dass er »La musica notturna delle strade di Madrid« (Die nächtliche Musik der Straßen von Madrid) aus der Erinnerung in einem Streichquintett wieder heraufbeschwört. Die berühmte Ritirata, der Zapfenstreich der Nachtwache, beschließt den stimmungsvollen Bilderbogen. Was in der Stadt herumspukt, wenn die braven Bürger schlafen gehen – auf den Gassen, in den Häusern und in den Köpfen –, hat der preußische Kammergerichtsrat, Seelenforscher und geborene Salamander E.T.A. Hoffmann unnachahmlich protokolliert. Immer gern mit Ort und Zeit. Denn nicht in exotischen Fernen, sondern in der realen Alltagswelt hat er sein fantastisches Geisterreich mit Vorliebe verortet: getreu seiner Überzeugung, »dass die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, sodass jeder nachzusteigen vermag.«

Babette Hesse





Ausführende

Sreten Manojlovic

Bassbariton

Mit einer Stimme, die Kraft, Vielseitigkeit und tiefen Ausdruck vereint, hat sich der Bassbariton Sreten Manojlović als fesselnder Interpret etabliert, insbesondere im Repertoire des 18. Jahrhunderts. Seine Auftritte führten ihn an solche Spielstätten wie die Philharmonie de Paris, das Concertgebouw in Amsterdam, die Tonhalle Zürich, das Château de Versailles und das Theater an der Wien. Er arbeitete mit Dirigenten wie William Christie, Leonardo Garcia Alarcon, George Petrou und Benjamin Bayl sowie mit Regisseuren wie Pierre Audi und Claus Guth zusammen. Seit seiner Teilnahme an der Barockakademie für junge Sänger:innen »Le Jardin des Voix« ist Manojlović eng mit Les Arts Florissants verbunden und tritt regelmäßig mit dem französischen Ensemble zusammen auf, etwa in Haydns Die Jahreszeiten und Handels L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato, das auch bei Harmonia Mundi als Aufnahme erschien. Als Polyphemus in Händels Acis and Galatea unter der musikalischen Leitung von Leonardo Garcia Alarcon und in der Regie von Pierre Audi eröffnete er 2022 die Saison am Concertgebouw Amsterdam und verlieh dem Zyklopen in dunklen Klangfarben und mit mechanischer Agilität eine zutiefst bedrohliche und monströse Präsenz. In der Saison 2025/26 verkörperte er bei den Händel-Festspielen in Göttingen die Partie des Leone in Händels Tamerlano unter der Leitung von George Petrou und gab als Lucifero in Händels La Resurrezione sein Debüt in der Megaron Concert Hall in Athen. Mit Leonardo Garcia Alarcon war er als Pan in J.S. Bachs Kantate

Geschwinde, ihr wirbelnden Winde zu erleben, unter der Leitung von Paul Agnew als Bass-Solist in Bachs Weihnachtsoratorium. Mittlerweile widmet sich Sreten Manojlović auch dem Inszenieren von Opern. 2024 gab er sein Regiedebüt mit Händels Rinaldo beim Rossi Fest in Belgrad.

Moritz Schell

Impressum

Programmhefttext
Babette Hesse

Programmheftredaktion
Michael Rathmann

Herausgeber & Träger
Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.
Ostpreußenallee 5
D-41539 Dormagen

www.knechtsteden.com

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben sie informiert.

Kontakt

Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Ostpreußenallee 5

41539 Dormagen

Deutschland

Social Media

© 2026 Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben sie informiert.

Kontakt

Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Ostpreußenallee 5

41539 Dormagen

Deutschland

Social Media

© 2026 Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben sie informiert.

Kontakt

Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Ostpreußenallee 5

41539 Dormagen

Deutschland

Social Media

© 2026 Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben sie informiert.

Kontakt

Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Ostpreußenallee 5

41539 Dormagen

Deutschland

Social Media

© 2026 Festival Alte Musik Knechtsteden e.V.

Festival Alte Musik

Knechtsteden

Festival Alte Musik

Knechtsteden